Das Gedächtnis der Besiegten
Ragon, Michel (31.07.2006)Das Gedächtnis der Besiegten · Ragon, Michel
Roman
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Produktdetails
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Produktinformationen "Das Gedächtnis der Besiegten"
- Verlag: Verlag Edition AV
- Autor: Ragon, Michel
- Übersetzer: Halfbrodt, Michael
- ISBN: 978-3-936049-66-4
- Veröffentlichung: 31.07.2006
- Umfang: 393 Seiten
- Maße: 150 x 240 (B/H)
- Gewicht: 450
- Sprache: deutsch
- Originaltitel: La mémoire des vaincus
- Originalsprache: fre
- Auflage: 1., Aufl.
- MwSt: 7 %
- Lesemotiv: Eintauchen
- Nebenlesemotive: Auseinandersetzen
- Produktart: Taschenbuch
- Produktform: Taschenbuch
Rezensionen „Das Gedächtnis der Besiegten"
Sal Macis: Grandioser Roman gegen das Vergessen(.) Es ist dem Verlag, dem Übersetzer Michael Halfbrodt und den Spendern für den Ankauf der Rechte zu danken, dass sie dieses Riesenprojekt in die Praxis umsetzen konnten. Denn Das Gedächtnis der Besiegten ist ein großartiger Geschichtsroman, in dem eine fiktive Figur, Fred Barthélemy, alle großen Ereignisse des 20. Jahrhunderts aus Sicht eines französischen Anarchisten durchlebt: die Zeit des libertären Pariser Milieus vor dem Ersten Weltkrieg, die russische Revolution, das pazifistisch-anarchistische Milieu der Zwischenkriegsjahre, die spanische Revolution und die Nachkriegszeit in Paris. Beim Lesen musste ich mir immer wieder klar machen, dass es sich um Fiktion handelt, so hautnah und eindringlich sind die Szenen beschrieben. Um Fred tauchen reale historische Personen auf, Lenin, Trotzki, Emma Goldman, Maria Spiridonowa, Alexandra Kollontai, Nestor Machno, Buenaventura Durruti, Louis Lecoin, Paul & Léona Delesalle, Victor Serge, Rirette Maîtrejean. Fred tritt mit ihnen in Kontakt, bespricht mit ihnen die Lage, geht Freundschaften ein und beschreibt sie von einer nahen, menschlichen Seite.Das Buch erzählt eine Innenansicht der Gefühle libertärer Besiegter des 20. Jahrhunderts und bewahrt so deren Andenken, für das sich die herrschende Geschichtsschreibung nicht interessiert, denn die erzählt nur von heldenhaften Siegern. Besonders beeindruckend ist etwa die Beschreibung des exilierten Nestor Machno im Pariser Exil der 20er und 30er Jahre, der sich nicht zurecht findet, den Anschluss ans libertäre Milieu verliert, vereinsamt und sich schließlich gar in die Möglichkeit eines Bündnisses mit Stalins Militärs versteigt, um mit diesen stärkeren Bataillonen Trotzki, Machnos erklärten Hauptfeind, endlich zu besiegen.Die Figur Fred ist zwar fiktiv, Ragon hat sich dabei aber an biographischen Erfahrungen aus dem Leben von Gaston Leval für Russland und Spanien und von Henri Poulaille für Kindheit und Alter orientiert. Fred ist in gewissem Sinne eine paradigmatische Figur für die eigentümliche französische Sicht auf die Revolutionen in Russland und Spanien. Viele französische AnarchistInnen der Vorkriegszeit, so auch Victor Serge, ließen sich von Lenins „Staat und Revolution“ täuschen, und traten nach 1918 der KP und der Kommunistischen Internationale bei.Auch Fred geht nach Russland und wird dort Ideiny, zählt also zu jener libertären Fraktion, die zunächst mit den Bolschewiki kollaboriert. Erst langsam, in einem schmerzhaften Prozess und beim Erleben der AnarchistInnenverfolgungen wird ihm klar, dass er sich geirrt hat und verfasst nach seiner Rückkehr Mitte der zwanziger Jahre in Paris ein Manifest gegen die russische Diktatur des Proletariats.Doch die französische Linke, auch das ist eine Essenz der historischen Erfahrungen im Frankreich der 20er und 30er Jahre, will davon nichts wissen und lehnt sich mehrheitlich an die stalinistische KP an. So verhallen die Warnungen von Fred im Nichts und in der spanischen Revolution werden die AnarchistInnen und unabhängigen SozialistInnen ein weiteres Mal von den KommunistInnen verraten und verfolgt. Das ist die Lebenserfahrung vieler älterer AnarchistInnen Frankreichs und Spaniens, die deshalb mit den jungen 68er StudentInnen, die Marxismus und Anarchismus versöhnen wollten, nichts anfangen konnten. Das Buch ist gleichzeitig ein flammender Aufruf für Kontaktaufnahme und Gespräche mit AltanarchistInnen, auch für Archivarbeit, damit deren Erfahrungen nicht verloren gehen.Ragon ist es hoch anzurechnen, dass er in diesem Riesenwerk immer wieder vergessene Nebenlinien und Minderheitenströmungen beschreibt, wie etwa die libertär-christliche Gruppe um Nikolaj Berdjajew in Russland, deren Anhänger Fred im Pariser Exil wiedertrifft.Ragon erzählt sensibel von der großen Verbreitung pazifistischer Tendenzen im anarchistischen französischen Milieu der Zwischenkriegsjahre, die auf die Erfahrungen des massenhaften Mordens im Ersten Weltkriegs zurückgehen.Es wird im Roman deutlich, welch immense Bedeutung Louis Lecoin für die Entwicklung des französischen Anarchismus von den 20er bis in die 60er Jahre hatte. Doch es war auch ein Pazifismus, dem die Kampfmittel der massenhaften direkten gewaltfreien Aktion unbekannt blieben und der deshalb immer wieder darauf zurückgriff, sich mit Appellen an die Herrschenden zu wenden.Im Detail finde ich einzelne Personen zu positiv dargestellt, etwa Alexandra Kollontai, die Fred geradezu bewundert. Ragon verschweigt dabei ihre Mittäterinnenschaft bei der Niederschlagung des Kronstädter Aufstands 1921 oder die Taten ihres Ehemanns Dybenko, der als Befehlshaber der Roten Armee an der Unterdrückung der Machno-Bewegung beteiligt war.Auch bei der Beschreibung der Stalinismuskritik im französischen Milieu der dreißiger Jahre gibt es eine große Abwesende, Simone Weil, die ich gerne im Roman gesehen hätte.Doch das Buch ist so reichhaltig an kurzweiligen Erzählungen über Vorkommnisse und Personen - auch kritischer Art, wie etwa über Romain Rolland, dessen Übergang von Gandhi zu Lenin und sogar zum Stalinismus in den dreißiger Jahren alle Libertären vor den Kopf stieß -, dass diese kleinen und subjektiven Einwände dem Eindruck keinen Abbruch tun, dass es sich hier um ein wundervolles Buch handelt, um eine andere Art, sich anarchistische Geschichte vorstellbar zu machen.Anmelden
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