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Trauben schwarz wie Blut

de Stefani, Livia (24.05.2025)
Produktinformationen "Trauben schwarz wie Blut"
  • Friedenauer Presse
  • de Stefani, Livia
  • Ruschkowski, Klaudia
  • 978-3-949558-44-3
  • 24.05.2025
  • Hardcover
  • 254 Seiten
  • 130 x 18 x 218 (B/T/H)
  • 370
  • Edition Converso
  • deutsch
  • La vigna di uve nere
  • ita
  • 1. Auflage
  • 7 %
  • Auseinandersetzen
  • Eintauchen
  • Buch gebunden
  • Hardcover

Ein endlich wiederentdeckter Roman, Bestseller in Italien aus dem Jahr 1953 über die Allmacht patriarchaler Strukturen, die tragende Rolle der Frau und Mutter bei deren Erhalt, und über die Mafia, die um jeden Preis als atmosphärische »Naturgegebenheit« die Gesellschaft im Griff hielt.

Bei seinem Erscheinen galt das Buch als skandalös, weil darin ein Geschwisterinzest thematisiert wird. Ein »Skandal« aber war es, weil hier eine Frau über die Mafia schreibt, »und die ist ein Tabu, besonders in der Literatur«. Offiziell existierte die Mafia nicht.  So dröhnte es seinerzeit auch von den Kirchenkanzeln. 

 

Wie mächtig und aufs Wirksamste mit den weltlichen Mächten verbunden die Kirche in Sizilien war, lässt sich u. a. in Leonardo Sciascias Mafia-Roman Tag der Eule (Il giorno della civetta, 1961) ablesen: Darin ist die Figur des anonymen hohen Prälaten leicht identifizierbar mit dem Erzbischof von Palermo, Ernesto Ruffini, jenem »unbeugsamen Verfechter der Nicht-Existenz der Mafia« (Giuseppe Traina). Dieses Erzählwerk galt bislang als das erste, in dem die Mafia Hauptthema ist – und so ist der Kanon nun neu zu setzen.

 

De Stefani schildert in einem »Ton von bestechender Unerschrockenheit« (Eugenio Montale) Aufstieg und Fall von Casimiro Badalamenti, einem Mann mit starken Leidenschaften und dem »angeborenen Sinn für Autorität und Verdienst der Männer«. Er ist Besitzer eines Weinbergs mit schwarzen Trauben, einer absoluten Rarität in der Gegend von Alcamo, berühmt für ihren Weißwein. Der Weinberg ist das materielle, ideelle, mystische Zentrum seines Lebens. Alles ordnet sich ihm unter. Schwarz ist auch sein Wille, in der Hierarchie der Mafia aufzusteigen. Um jeden Preis – selbst um den, (für längere Zeit) seinen Weinberg zu opfern – muss er dieser allmächtigen »ehrenwerten« Gesellschaft angehören. Aus obskuren Gründen unmittelbar nach dem Tod des Vaters und des Bruders, die irrtümlich in einem Hinterhalt ermordet wurden, verlässt er dieses Zentrum und nistet sich in der »Fremde« ein, in Cinisi bei Concetta, einer verrufenen Frau, verfällt ihrem »marmorweißen Fleisch«. Nachwuchs will er keinen, doch seine Schwachstelle ausmachend – »Mutter Natur hatte ihn als Drohne erschaffen, er kann sich nur mit einem einzigen Weibchen paaren« –, versteht sie es, seinen Manneswahn zu reizen, gebärt ihm vier Kinder, die er gleich nach der Geburt zu Familien im Umland gibt. In der Fremde verschafft er sich mit viel krimineller Energie eine gefürchtete Position. Doch für den wahren Ehrenmann braucht es den bürgerlichen Anschein: machtberauscht ehelicht er Concetta Jahre später, reißt drei der vier Kinder an sich. Und eine Tragödie biblischen Ausmaßes nimmt ihren Verlauf.

Die zwei Erstgeborenen, Nicola und Rosaria, finden in Liebe zueinander, als der Vater den Stammhalter immer wieder in Ketten legt, um ihn an der Flucht zu hindern. Die sich bald abzeichnenden Folgen der Liebe sind Schande und größter Verrat an Casimiros Ehre und nur mit Blut reinzuwaschen. So inszeniert der Vater den Selbstmord der Tochter. Zu spät spielt die in lebenslangem Gehorsam ihrem »Herrn und Gebieter« unterworfene Mutter »dem Schicksal in die Karten (…) und es zückte die, die Badalamentis Hochmut auf immer zu Fall bringen sollte«.

 

Es ist der erste Roman der 1913 in Palermo, in einer aristokratischen sizilianischen Großgrundbesitzerfamilie geborenen Livia De Stefani, und ein großer verlegerischer Erfolg; die 4. Auflage 1975 erschien mit einem Vorwort von Carlo Levi, dem Autor von Christus kam nur bis Eboli. 1984 verfilmte die RAI La vigna di uve nere in zwei jeweils 90-minütigen Teilen, unter der Regie von Sandro Bolchi, mit Mario Adorf als Casimiro Badalamenti.

Schwarze Trauben und der Orangenbaum der Erkenntnis, so der Titel unseres Nachworts »(…) indem die Erzählung das breite Spektrum menschlicher Leidenschaften ins Spiel bringt, hebt sie den scharfen Kontrast zwischen Macht und schicksalhafter Ohnmacht auf eine Ebene, wo die wahren Werte des Menschseins – Freiheit, Gerechtigkeit, Liebe – wieder eine Kraft darstellen.«

Biografie – de Stefani, Livia

D
de Stefani, Livia

Mit Livia De Stefani (1913, Palermo –1991, Rom) wird eine große sizilianische Schriftstellerin wiederentdeckt, die im männlich beherrschten Literaturbetrieb ins Aus gedrängt worden war. In Intellektuellenkreisen in Rom sehr geschätzt u.a. von Elsa Morante, Alba de Céspedes war sie noch jung auch Erbin eines großen Feudalbesitzes bei Alcamo/Sizilien; dort lernt sie die Mafia hautnah und in ihrem ursprünglichen Ambiente kennen. Mit ihrem ersten sehr erfolgreichen Roman Trauben schwarz wie Blut (1953 (Mondadori), 1975 (Rizzoli): Vorwort Carlo Levi; (Ü Klaudia Ruschkowski) schreibt eine Frau lange vor Leonardo Sciascia’s „Tag der Eule“ über die Mafia.

Dabei ist ihre profunde Kenntnis der archaischen Machtstrukturen auch unter den Geschlechtern – die Familie –, ihre Beherrschung aller sizilianischen Sprachcodes und ihre höchst moderne Sichtweise der patriarchalen Gesellschaften allgemein hervorzuheben; daraus wurde in einer kristallklaren Sprache große Literatur.

Ihr erzählerisches Werk wird auch in Italien erst jetzt voll gewürdigt.

Sie war verheiratet mit dem Bildhauer Renato Signorini, mit dem sie drei Kinder hatte. Ihre Enkelinnen verwalten heute ihr Vermächtnis.

Klaudia Ruschkowski, 1959 in Dortmund geboren, ist Autorin und Herausgeberin, Dramaturgin und Kuratorin und arbeitet als literarische Übersetzerin aus dem Englischen und Italienischen. Sie hat den Spagat, von dem viele träumen, geschafft und lebt zwischen Volterra und Berlin.

(https://villa-le-guadalupe.com/). Sie ist eine äußerst kreative Kulturvermittlerin und setzt sich mit großem Sinn fürs Ganze und Leidenschaft für ihre Autorinnen ein.

Einer ihrer Schwerpunkte ist das Werk von Etel Adnan, das sie übersetzt und herausgibt, auch in Hörspiele einfließen lässt.

Großartig, ein wahrer Wissensschatz ist der von ihr und Wolfgang Storch im Auftrag des Deutschen Historischen Museums herausgegebene Essay-Band DEUTSCHLAND – ITALIEN. Aufbruch aus Diktatur und Krieg (mit vielen von Klaudia Ruschkowski übersetzten Texten).

Ein anderer Magnet ihres Schaffens ist Pier Paolo Pasolini;  zahlreiche Übersetzungen von Essays über ihn; 2011 kuratierte und organisierte sie mit Peter Kammerer, Wolfgang Storch im Zeughauskino das mehrtätige Symposion „Die Reisen des Pier Paolo Pasolini“.

Über zehn Jahre hinweg kuratierte sie Werkstätten zu Stücken von Heiner Müller und gab gemeinsam mit Wolfgang Storch im Verlag Theater der Zeit drei Heiner Müller Werkbücher heraus.

Auch für die von Susanne Gretter herausgegebene Reihe „Die Kühne Reisende“ (Verlagshaus Römerweg) sammelt sie kontinuierlich Ideen und übersetzt, u. a. Isabella Bird, Frances Calderón de la Barca, Kate O‘Brien.

Ihre Hörspiele zu Giuseppe Zigaina und Pier Paolo Pasolini, zu Ezra Pounds Tochter Mary de Rachewiltz und zu Etel Adnans Poem „Nacht“, jeweils in Kooperation mit Giuseppe Maio, wurden zum Hörspiel des Monats gewählt. Im September (30.9.18) können wir von ihr im DLF hören: „Theatertier, das ich bin. Solo mit dem Schauspieler Jürgen Holtz“.


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