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Die Affaire Moro

Sciascia, Leonardo (15.03.2023)
Produktinformationen "Die Affaire Moro"
  • Friedenauer Presse
  • Sciascia, Leonardo
  • Lustig, Monika
  • 978-3-949558-18-4
  • 15.03.2023
  • Hardcover
  • 236 Seiten
  • 130 x 18 x 218 (B/T/H)
  • 355
  • Edition Converso
  • deutsch
  • L'Affaire Moro
  • ita
  • 1. Auflage
  • Alle, die sich nicht mit Regime-Nachrichten zufrieden geben, die radikale Aufklärung suchen, die Literatur als Instrument der Wahrheitssuche schätzen
  • 7 %
  • Auseinandersetzen
  • Entspannen
  • Auseinandersetzen
  • Buch gebunden
  • Hardcover

»Die Affaire Moro«, so Sciascia, »wird im Laufe der Zeit einen immer größeren Wahrheitsgehalt, immer mehr an Bedeutung erlangen

Sciascia stellt sich in diesem Roman der schwierigen Frage: Was ist die Literatur, anders gesagt, was ist sie neben der Geschichte und der Chronik, der Vergangenheit und der Gegenwart, was ist sie bezogen auf die Wirklichkeit und die Wahrheit? Er unternimmt eine Schreibbewegung, die (im Stile eines Borges) die Realität erfindet; erzählend erkennt, dass das Buch bereits geschrieben war, als sich die Tragödie ereignete.

Noch bevor der parlamentarische Untersuchungsausschuss zum Fall Moro, dem Sciascia dann angehörte (Bericht der parlamentarischen Minderheit, im Anhang des Buchs) den bis heute nicht endgültig geklärten Fall Moro neu bewertete, hatte er den beinahe religiös-existenziell grundierten Band Die Affaire Moro veröffentlicht (…) und dargelegt, wie die Christdemokraten ihren Vorsitzenden, den langjährigen Ministerpräsidenten und Architekten des compromesso storico im Stich gelassen, seine Äußerungen [gezielt] missverstanden hatten: eine Befreiung durch die Ordnungskräfte sei zu keiner Zeit angestrebt worden.

Der historische Kompromiss – die Annäherung zwischen Christdemokraten und Kommunisten bedeutete für Sciascia das Grundübel der italienischen Politik: der ewige Transformismus, das immer neue Grüppchenbilden, Sich-Arrangieren, Herumlavieren. Was niemals (und gewollt) zu einer grundlegenden Änderung der Politik führt. »Ein Intellektueller aber«, so Sciascia, »sollte sich stets zur Opposition berufen fühlen.« Die unverkennbare Stimme des großen unbestechlichen, unbequemen Aufklärers.

Mit der 2022 einsetzenden Veröffentlichung von Moros ebenfalls im »Volksgefängnis« verfassten Memoriale ist die von Sciascia dargelegte Theorie einer »Zusammenarbeit« zwischen Staaten und kriminellen Banden von unerhörter Aktualität. Heute wissen wir: die allmächtige Geheimloge P2 hielt die Fäden der Affaire in der Hand; ein Jahr nach Sciascias Tod (1989) platzt der Skandal um die klandestine NATO-Organisation Gladio.

»Es ist das Buch, das Pasolini vielleicht geschrieben hätte, wäre er nicht drei Jahre vor Moro ermordet worden.« (Fabio Stassi)

Biografie – Sciascia, Leonardo

S
Sciascia, Leonardo

Einige Lebensetappen des großen Leonardo Sciascia

Leonardo Sciascia kam am 8. Januar 1921 zur Welt: in Racalmuto, zwischen Agrigent (Girgenti) und Caltanisetta, inmitten der Schwefelgrubenwelt. Der Vater Pasquale war in die USA ausgewandert, diente freiwillig in der Army, blieb über diese seine Zeit wortkarg und verschlossen sein Leben lang; allenfalls verschaffte er sich in cholerischen Anfällen Luft oder in einem diktatorischen Familienregime, zu dem die 1919 geehelichte Genoveffa Martorelli gehörte und ab 1923 der Bruder Giuseppe, nach dessen Geburt Leonardo ins Haus der Tanten verbracht wird. Der Bruder, in die Fußstapfen des Schwefelgrubenverwaltervaters gezwungen, nimmt sich 1948 das Leben. Leonardo spricht kaum je darüber, zu schwer die Last. Neben der Grundschule las Leonardo schon früh gewichtige Werke, es war die Zeit, da Bücher noch als Lebensmittel verstanden wurden, von Die Brautleute über Casanovas Memoiren bis Stendhal.

Mit 14 zog er zusammen mit der Familie nach Caltanisetta, wo er ein istituto magistrale, Schule zur Grundschullehrerausbildung besuchte; dort unterrichtete auch Vitaliano Brancati, Romanschriftsteller und Dramaturg aus Pachino, neue Lektüren für Leonardo waren Caldwell, Hemingway, Dos Passos, Faulkner. 1941 tritt er einen Job als Verwalter eines Getreidelagers an, schreibt sich an der Pädagogischen Hochschule in Messina ein; verlässt sie vorzeitig. 1944 – ist der 2. WK. mit der Landung der Alliierten in Sizilien zu Ende; seine ersten Zeitungsartikel erscheinen. Im Juli heiratet er, gerade 23-jährig, Maria Andronico, im Jahr darauf kommt Laura, 1946 dann Anna Maria zur Welt.

1949 – tritt er in Racalmuto seine Stelle als Grundschullehrer an, gründet mit dem Verleger und Buchhändler Salvatore Sciascia, Caltanisetta, die Zeitschrift „Galleria“; aus seinen Notizen eines Grundschullehrers entstehen die Parrocchie di Regalpetra (1956) (dt. mehrere Titel): das sehr berührende Erinnerungspanorama seiner Heimatstadt, die fiktive Realität eines sehr authentischen Siziliens, ein J’accuse des faschistischen Ventennios, der anschließenden Demokratie in all ihrer Unreife und Unehrlichkeit, der Condition humaine nach vollständiger Aushöhlung von Moralität und Gewissen. Verhalten und mächtig zugleich Sciascias Erzählen holt er die schreckliche Wirklichkeit der Salzbauern und Schwefelgrubenarbeiter ans Licht, deren Arbeit, die einzig mögliche, zugleich ihr Todesurteil darstellt; die Schulkinder, in deren Gesichter die Qualen der Väter und die totale Aussichtslosigkeit auf eine wirkliche Zukunft gezeichnet sind.

Die zweite Ausgabe erschien 1967 zeitgleich mit dem hier und heute von uns ins Deutsche übersetzten Werk Tod des Inquisitors (1964): die historische Studie eines sogenannten Häretikers, seines idealen Mitbürgers aus Racalmuto, der 1658 den spanischen Inquisitor tötete, just als der ihn in der Folterkammer aufsuchte, und zwar mit seinen eisernen Handschellen (spätere Quellen sprechen von einem Foltereisen): sein Held Diego la Matina, der nach weiteren Folterungen in einem volksfestartigen Autodafé im Jahr auf dem Scheiterhaufen landet, bis zum Ende die Würde des Menschen hochhält, niemals einer nicht ausgewiesenen häretischen Schuld –nichts weiter als ein Menschlichsein, ein Sozialsein – abschwört, vor Gott, gegen Gott argumentiert und diesen als ungerecht bezeichnet.

Auf diesen idealen Mitbürger war Sciascia bei den Recherchen zu seinem von vielen als sein bestes bezeichneten Werk gestoßen – das Ägyptische Konzil (1963), bekannt auch als Der arabische Betrug.

Sciascias Werk umfasst viele tausend Seiten. Der erste ins Deutsche übersetzte (Kriminal-) Roman war Der Tag der Eule (1961), der erste in Italien, der die Mafia zum Thema hatte,

Gewichtig auch Sciascias politische Karriere, die er 1975 als Kommunalpolitiker im Gemeinderat von Palermo begann (1967 war er mit der Familie in den Viale Scaduto nach P. gezogen), 1977 verlässt er unter Polemiken dieses Amt, was sich in Streitgesprächen und -schriften über die Rolle der Intellektuellen gegenüber dem Terrorismus niederschlägt; schreibt für zahlreiche nationale und sizilianische Zeitungen. 1978 Entführung und Ermordung Aldo Moros; 1979 kandidiert Sciascia für das italienische Parlament, als Unabhängiger in den Listen des Partito Radicale. Wenige Monate nach Moros Tod veröffentlicht er erst in Frankreich (!) bei Grasset L’Affaire Moro, kurz darauf dann bei Sellerio. Ab 1982 enthält die Ausgabe auch den Rapport der Untersuchungskommission der parlamentarischen Minderheit.

1987 im Januar seine Polemik (mit dem von der Redaktion so betitelten) Die Professionisten der Antimafia … was bis heute seine Kreise zieht; einer der darin Angegangenen war der damalige und heutige Bürgermeister von Palermo, Leoluca Orlando.

Das Belegexemplar seiner letzten Erzählung – Kriminalgeschichte – Una storia semplice (dt. Ein einfacher Fall) erreicht ihn noch kurz vor seinem Tod am 20. November 1989 zu Hause.

Fabio Stassi ist in Rom geboren, die Stadt, wohin viele Sizilianer nach dem Krieg emigriert sind. Seine Wurzeln aber reichen in mehrere Weltregionen, Buenos Aires, Albanien, Karthago, Mittlerer Orient. Im Mittelpunkt seiner literarischen Suche stehen die Themen: mehrfache Identitäten, die Sprache und das Sprechen (von der Aphasie bis zur Zensur), das Gedächtnis und das Erinnern, die Bibliotheken als demokratischer Ort der Freiheit und ihre Zerstörungen; die Heilkraft der Dichtung und Literatur. Seine Vorbilder sind Leonardo Sciascia, Gesualdo Bufalino, Vincenzo Consolo.

Seinen Durchbruch als Schriftsteller hatte er mit dem Roman Fumisteria, (Neuauflage 2015) über das Massaker Portella della Ginestra, 1. Mai 1947, bei Piana degli Albanesi, die Stadt (Arberesh-Gründung), woher seine Familie stammt. Mit den Detektivromanen über den Bibliotherapeuten Vince Corso, einem arbeitslosen Gymnasiallehrer, der in einer kleinen Behausung in der Via Merulana in Rom zusammen mit seinem stummen Hund Django lebt und seine Patienten empfängt, hat er sich in die Herzen seiner Leser geschrieben: La  lettrice scomparsa (2016); „Die Seele aller Zufälle“ (2024) (Ogni coincidenza ha un’anima) HOTLIST 2024; „Ich töte wen ich will (2022) (Uccido chi voglio); "Das Ausmaß von Liebe" (2025)  (Notturno francese); alle Ü Annette Kopetzki.

Zur Buchmesse 2024 ist sein Dante-Essay erschienen: „Ich, ja ich werd‘ Sorge tragen für dich – Kurze Abhandlung über Dante, die Dichtung und den Schmerz“ (Ü Monika Lustig), in dem er uns Dante als einen fragilen, alle Leiden unserer Zeit vorwegnehmenden, sehr irdischen Dichter zeigt: Die Notwendigkeit, die (poetische) Stimme zu erheben, um dem Geschrei der Diktatoren keinen Raum zu geben. Sein politischstes Werk Bebelplatz. La Notte dei Libri bruciati, das just von den Bücherverbrennungen der Nazis ausgeht und eine Reise auf der Suche nach einer neuen Identität als Leser darstellt, ist Anfang Oktober 2024 bei Sellerio editore erschienen, wo sein ganzes Werk erscheint. Im September 2025 hat er hauchdünn (3 Stimmen) den Premio Campiello verpasst.

Er wurde mit sämtlichen Literaturpreisen, benannt nach italienischen Schriftstellern - Vittorini, Sciascia, Scerbanenco, Arpino, Dessì, Croce -, aber auch mit den renommierten Premio Stresa und Premio Alassio ausgezeichnet.

In Deutschland erhielt er den Hermann-Kesten-Preis 2024 (PEN Deutschland/Land Hessen), mit dem Persönlichkeiten ausgezeichnet werden, die sich für verfolgte und inhaftierte Schriftsteller und somit für verfolgte, verbotene, zensierte Literaturen einsetzen.

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